Die AUPIK-Partner trafen sich im Juni um die verschiedenen theoretischen Ansätze zu diskutieren

Was hat Infrastruktur mit der Sicherheit von häuslich gepflegten Personen zu tun? Wie ist der deutsche Katastrophenschutz organisiert und wer hat im Falle einer Krise die Verantwortung?

Mit dem Ziel, die ambulante Pflegeinfrastruktur in Krisen und Katastrophenfällen so zu stärken, dass Hilfs- und Pflegebedürftige ausreichend versorgt werden, ging das Forschungsvorhaben AUPIK in die erste Runde. Die Aufgabe: theoretische Vorannahmen und disziplinäre Hintergründe aus Sicherheitsstudien, Pflegewissenschaft und praktischer Katastrophenschutzarbeit zu einem runden theoretischen Rahmen zu verschmelzen.

Aufgrund der globalen Covid-19 Pandemie waren die Projektpartner in AUPIK gezwungen, das erste Treffen nicht in Person, sondern online stattfinden zu lassen – eine Herausforderung, denn die vielfältigen wissenschaftlichen und praktischen Hintergründe der Projektpartner*innen stellen nicht nur einen Vorteil des Projekts dar. Bevor „ins Feld“ gegangen werden kann, also bevor Interviewpartner*innen befragt werden können, müssen Erkenntnisinteressen abgeglichen werden und Vorannahmen zu Patientensicherheit, Katastrophenschutz und Resilienzkonzepten diskutiert werden.

Im zweitägigen Projekttreffen diskutierten die Teilnehmenden  Projektpartner*innen von der Universität Tübingen, dem Deutschen Roten Kreuz, der Charité – Universitätsmedizin Berlin und dem Vincentz Network darüber, dass die Arbeit von Pflegekräften in Deutschland kaum wahrgenommen wird. In der öffentlichen Debatte sind vor allem Virolog*innen und Mediziner*innen präsent. Die Pflege als zentrale Akteurin im deutschen Katastrophenschutzsystem zu verstehen, fällt auf Anhieb daher erst einmal schwer. Ansätze wie Disaster Nursing, also die Pflege in Katastrophenlagen, sind eher im Ausland bekannt. Dennoch besteht die Herausforderung darin, Katastrophenmanagement nicht getrennt von Patientensicherheit – und somit auch von Pflegearbeit – zu betrachten. Diese Herausforderung muss auch in AUPIK angenommen werden.

Entsprechend komplex gestaltet sich die Arbeit im und mit deutschen Katastrophenschutzstrukturen aufgrund ihres föderalistischen Aufbaus. Insbesondere in Deutschland kommt dem Katastrophenschutz eine Sonderrolle zu, da er größtenteils ehrenamtlich organisiert ist. Das hat erhebliche Folgen, wenn es darum geht, Konzepte zu erarbeiten, wie Katastrophenschutz und Pflege den Ernstfall üben können. Zudem stellen sich Fragen, wie mit individuellen und teils besonderen Bedarfen von Hilfs- und Pflegebedürftigen in Katastrophen, wie beispielsweise einem langanhaltenden Stromausfall, adäquat umgegangen werden kann.

AUPIK will somit eine Brücke zwischen individuellen Bedarfen und gesellschaftlichen Strukturen schlagen. Um die Versorgung von häuslich gepflegten Personen aufrechtzuerhalten wird dabei geprüft, inwiefern ambulante Pflegeinfrastrukturen als kritische Infrastrukturen zu betrachten sind. Immerhin sind sie notwendiger Bestandteil des Alltags für einen Teil der Bevölkerung. Ihre Aufrechterhaltung ist somit auch in Katastrophensituationen zentral. Welche Rollenverteilung zwischenambulanten Pflegediensten, den  Strukturen des Katastrophenschutzes sowie anderen für die häusliche Versorgung notwendigen Akteur*innen sowohl praktikabel als auch ethisch vertretbar ist und welche Ressourcen die einzelnen Beteiligten dafür benötigen, wird in den nächsten Phasen des Projekts eruiert werden müssen. AUPIK verfolgt einen fähigkeitsbasierten Resilienzansatz, der auf den Erhalt der Handlungsfähigkeit der ambulanten Pflegeinfrastruktur abzielt. Die Definition dessen, was als kritisch und erhaltenswert, beziehungsweise die Festlegung dessen, wer im Krisenfall als zu schützend verstanden wird, hat somit praktische politische Folgen, die berücksichtigt werden müssen.

Basierend auf den diskutierten theoretischen Erkenntnissen geht der nächste Schritt des AUPIK Projekts in Richtung Praxis. Die bisher aufgeworfenen Fragen nach Kapazitäten, Kompetenzen und Aufgabenverteilungen werden in den kommenden Monaten in zahlreichen Interviews erhoben.

Text: Katharina Wezel; IZEW Universität Tübingen

Foto: Adobe Stock/momius

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