Marco Krüger ist Koordinator des Forschungs- und Entwicklungsprojekts AUPIK. Im Interview spricht er über das erste Projektjahr.

Marco Krüger, Internationales Zentrum für Ethik in den Wissenschaften der Universität Tübingen

Herr Krüger, das AUPIK-Projekt ist auf drei Jahre angelegt. Wo steht das Konsortium nach dem ersten Jahr?

Im ersten Jahr haben wir uns insbesondere mit zwei Themen befasst. Zunächst einmal war es wichtig, eine gemeinsame Sprache im Projekt zu finden. Alle Partner*innen kommen aus ganz unterschiedlichen Bereichen, die oft eher nebeneinander als miteinander arbeiten. So haben wir sowohl wissenschaftliche Institute als auch Organisationen aus den Bereichen Katastrophenschutz und Pflege im Konsortium. Die erste Projektphase nutzten wir daher, um theoretische Perspektiven auf die ambulante Pflege in Krisen und Katastrophen zu entwickeln und miteinander zu besprechen.

Zudem haben wir schon sehr früh mit den empirischen Erhebungen begonnen. Bereits ab dem Sommer 2020 führten die Konsortialpartner*innen zahlreiche Interviews mit Personen aus der ambulanten Pflege sowie aus Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS). Die Charité – Universitätsmedizin Berlin hat darüber hinaus eine online Umfrage zum Thema unter Pflegekräften mit gutem Rücklauf durchführen können. Das hat uns noch einmal das breite Interesse von Pflegekräften wie auch Katastrophenschützer*innen an der Thematik gezeigt worüber wir uns sehr gefreut haben.

Aktuell sind wir alle dabei, die gewonnenen Eindrücke zu analysieren. Auch ein Gutachten zur rechtlichen Situation der ambulanten pflegerischen Versorgung in Krisen wird gerade erarbeitet. Von diesen Erkenntnissen ausgehend wollen wir dann ab dem Sommer Wege zur Stärkung der ambulanten Pflegeinfrastruktur beziehungsweise zur vorübergehenden zentralen Betreuung von pflegebedürftigen Personen in Krisen und Katastrophen entwickeln.

Hat die Corona-Pandemie Einfluss auf die Projektarbeit gehabt?

Selbstverständlich. AUPIK fing im März 2020, nur wenige Wochen vor dem ersten Lockdown, an. Nachdem unser Auftakttreffen noch persönlich stattfinden konnten, mussten wir, wie viele andere auch, schnell auf eine rein digitale Kommunikation umstellen. Seitdem tauschen wir uns regelmäßig in Videokonferenzen aus.

Auch viele Interviews mussten wir telefonisch führen. Als Wissenschaftler*innen führen wir sonst gerne vor Ort die Interviews in persönlichen Gesprächen. Das war nun pandemiebedingt oft nicht möglich. Daher wollen wir vor allem unseren Interviewpartner*innen dafür danken, dass sie trotz der schwierigen Umstände und der weniger persönlichen Atmosphäre eines Telefoninterviews das Projekt mit ihrem Wissen und ihren Erfahrungen unterstützt haben.

Insgesamt hat die Corona-Pandemie die Arbeit aber erschwert, da viele Prozesse länger dauern, als wir dies aus früheren Projekten kennen. Die Pandemie hat aber auch einen ganz anderen Einfluss auf unsere Arbeit. Das Thema der Aufrechterhaltung der ambulanten pflegerischen Versorgung in Krisen und Katastrophen, das bis dahin sowohl in der Pflegewissenschaft als auch in der Sicherheits- und Katastrophenforschung eher ein Nischenthema war, hat eine größere gesellschaftliche Sichtbarkeit. Das wirkt sich auch auf AUPIK aus – auch wenn wir lieber unter anderen Umständen auf unsere Arbeit aufmerksam gemacht hätten.

In Kürze soll das erste Working Paper fertiggestellt werden. Können Sie vorab schon einen Ausblick auf die Ergebnisse geben?

Das erste Working Paper fasst die erste Arbeitsphase zusammen und bündelt die Expertise aller Partner*innen. Es zeigt, wie heute Katastrophenschutz in der Pflege(wissenschaft) verhandelt wird, welche Einsatzerfahrungen in den vergangenen Jahren in Katastrophenschutzeinsätzen in Deutschland mit Blick auf Pflegebedürftige vorliegen, aber auch welche internationalen Good Practices es im Katastrophenschutz zum Umgang mit häuslich gepflegten Personen gibt. Schließlich schauen wir uns an, was im Bevölkerungsschutz unter dem Begriff „kritische Infrastrukturen“ verstanden wird, welche Auswirkungen dieses Verständnis auf die gegenwärtige Ausgestaltung des Katastrophenschutzes hat und wie wir das Konzept der kritischen Infrastrukturen so weiterentwickeln könnten, dass insbesondere zwischenmenschliche Beziehungen stärker berücksichtigt werden. Für diese Themen identifizierten wir im weiteren Projektverlauf zu entwickelnde Ansätze, wie die Zusammenarbeit von ambulanten Pflegediensten und Katastrophenschutz verbessert, das Verständnis für die gegenseitigen Kompetenzen und Arbeitsbedingungen gefördert, aber auch die strukturellen Voraussetzungen für eine krisenfeste ambulante pflegerische Langzeitversorgung geschaffen werden können.

(tw)

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