Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) ist assoziierter Partner des Forschungsprojektes AUPIK. Im Interview erläutert Dr. Wolfram Geier, Leiter der Abteilung Risikomanagement, Internationale Angelegenheiten, wofür das BBK in Deutschland zuständig ist und wie dort die Lage pflegebedürftiger Personen in Krisensituationen eingeschätzt wird. 

Sehr geehrter Dr. Geier, das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) ist ein Partner des Forschungsprojektes AUPIK. Können Sie kurz zusammenfassen, was das BBK ist und was es tut?

Dr. Geier: Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, kurz BBK, ist eine so genannte Bundesoberbehörde im Geschäftsbereich des Bundesinnenministeriums (BMI). Es würde 2004 in der Folge der Terroranschläge vom 11. September 2001 und der Hochwasserkatastrophe von 2002 unter anderem auf der zwischen Bund und Ländern abgestimmten konzeptionellen Grundlage der sogenannten „Neuen Strategie zum Schutz der Bevölkerung“ gegründet. Auf Grund der verfassungsmäßigen Aufgabenteilung zwischen Bund und Ländern, ist der Bund für den Schutz der Bevölkerung im Spannungs- und Verteidigungsfall (=Zivilschutz) zuständig, während die Länder die Aufgabe haben, den Katastrophenschutz gegenüber den denkbaren Großschadenslagen und Katastrophen im Rahmen ihrer landesgesetzlichen Zuständigkeiten zu regeln und zu organisieren. Gleichwohl sind Zivilschutz und Katastrophenschutz alleine schon aufgrund zahlreicher fachlicher Schnittstellen und Schnittmengen eng miteinander verbunden. Der Bund unterstützt z.B. über das BBK den Katastrophenschutz der Länder, in dem er Spezialressourcen für die Bereiche Sanität, Betreuung, Brandschutz und CBRN-Schutz (=Schutz vor chemischen, biologischen, radioaktiven und nuklearen Gefahren) entwickelt, beschafft und für den Einsatz vor Ort zur Verfügung stellt. Ca. 5.000 Spezialfahrzeuge des Bundes sind auf diesem Wege in den Landkreisen und Städten der Republik stationiert. Das BBK unterstützt aber die Länder und Kommunen auch bei vielen anderen Themen, wie z.B. der Selbstschutz- und Selbsthilfefähigkeit der Bevölkerung, beim Schutz der Kritischen, d.h. lebenswichtigen Infrastrukturen sowie in der Aus- und Fortbildung der Führungskräfte an der BBK-eigenen Akademie für Krisenmanagement, Notfallplanung und Zivilschutz. Dort werden jährlich rund 10.000 Fach- und Führungskräfte aus der öffentlichen Verwaltung des Bundes, der Länder und der Kommunen sowie der Hilfsorganisationen, aber auch der Polizei und der Bundeswehr im zivilen Krisenmanagement aus-, fort- und weitergebildet. Für die Bundesregierung bereitet das BBK auf einer von ihm entwickelten methodischen Basis jährliche Berichte über drohende Risiken in Form von Risikoanalysen vor, stimmt diese mit anderen Fachbehörden ab und steuert sie über das BMI an den Deutschen Bundestag weiter, wie z.B. im Jahr 2012, als das BBK zusammen mit dem Robert-Koch-Institut (RKI) eine Risikoanalyse zum Pandemierisiko erarbeitet hat. Darüber hinaus leistet der Bund im Katastrophenfall auf Bitten der Länder Amts- und Katastrophenhilfe. Im Rahmen des „Doppelnutzens“ können dafür dann neben den bereits erwähnten speziellen Einsatzfahrzeugen des Bundes auch das im BBK vorgehaltene Gemeinsame Melde- und Lagezentrum (GMLZ), die Warnmittel des Bundes, wie das Moulare Warnsystems (MoWaS)einschließlich der Warn-App NINA oder die Geokompetenz für die GIS-basierte Lagedarstellung bei akuten Lagen genutzt werden. Und last but not least organisiert das BBK auch Übungen, so wie z.B. die nationale länderübergreifende Stabs-Rahmenübung LÜKEX. Dies alles sind mit die wichtigsten Aufgaben und Aktivitäten der Behörde, aber längst nicht alle. Im BBK arbeiten knapp 400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus fast allen gängigen wissenschaftlichen Disziplinen und allen Sparten der organsierten Hilfeleistung für einen guten Bevölkerungsschutz zusammen, was in dieser Form und Fülle ein Alleinstellungsmerkmal ist. Insgesamt versteht sich das BBK als vernetzender fachlicher Knoten und als Dienstleister im Risiko- und Krisenmanagement in Deutschland.

Dr. Wolfram Geier, Abteilungsleiter Risikomanagement, Internationale Angelegenheiten Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe

Wie schätzen Sie den derzeitigen Stand der Versorgung von (intensiv-)pflegebedürftigen Menschen in Krisensituationen ein?

Dr. Geier: Aufgrund der demographischen Entwicklung haben wir in Deutschland eine wachsende Zahl von pflegebedürftigen Menschen, die entweder in speziellen Einrichtungen oder aber auch zuhause gepflegt werden. Wie schwierig es für die Kräfte des Rettungsdienstes, der Feuerwehr und des Katastrophenschutzes ist, damit auch in großen Lagen umzugehen, zeigen Evakuierungen bei Bränden und Vollbränden von größeren Pflegeeinrichtungen oder aber Evakuierungen von Wohnungen in Stadtvierteln bei Bombenentschärfungen, Hochwasserlagen o.ä. Zwar bekommen dies die Einsatzkräfte hin, aber es ist jedes Mal eine immense Herausforderung, ein Pflegeheim beispielsweise mit einer Vielzahl dementer oder bettlägeriger Menschen unter extremen Bedingungen zu evakuieren oder aber in einem Stadtviertel die Wohnungen zu kennen,  in denen z.B. schwerstpflegebedürftige Menschen leben und versorgt werden. Für große Lagen, die u.a. eine schnelle Evakuierung von Straßenzügen und Wohnvierteln erfordert, werden unter anderem aktuelle Kataster benötigt, die sicher aufzeigen, wo solche Menschen leben, um dann zielgerichtet mit den richtigen technischen Ressourcen (z.B. Drehleiter mit Schleifkorbtrage u.a.) und der nötigen Anzahl von Helferinnen und Helfern vor Ort sein zu können. Gleichzeitig ergibt sich dadurch auch ein Ressourcenproblem insgesamt. Die Evakuierung von beispielsweise Alten-WG´ s und Heimen, in denen u.a. mehrere Bewohner schwerpflegebedürftig sind, erfordert einen hohen Kräfte-Mittel-Einsatz. Da wird es dann bei einer flächendeckenden Großlage, die z.B. die schnelle Evakuierung ganzer Straßenzüge erfordert schon sehr eng. In den kommenden Jahren wird die Alterspyramide weiter wachsen und damit auch die Anzahl von (multi-)morbiden, pflegebedürftigen Menschen. Bis auf noch zu wenige, sehr löbliche und vorbildliche Ausnahmen sind wir uns den damit verbundenen Risiken und Gefahren für diese Menschen in großen Krisensituationen noch nicht wirklich bewusst. Ich hoffe, dass uns die Erfahrungen aus der Corona-Pandemie, die ja einen Fokus auf diese Menschen in Pflegeeinrichtungen wie auch in Einzelwohnungen gelegt hat, weiter sensibilisieren und uns diese Problematik voll bewusst machen. Ich persönlich bin darüber hinaus davon überzeugt, dass die Konzepte zur Pflege von Menschen gerade in größeren Einrichtungen insgesamt weiterentwickelt werden müssen, auch mit Blick auf die jeweilige medizinische Betreuung vor Ort. Die Corona-Pandemie hat deutlich gezeigt, dass wir großen, ja sehr großen Handlungsbedarf auf diesem Gebiet haben.

Welche Schritte sind Ihrer Ansicht nach am dringendsten, um die Lage zu verbessern?

Dr. Geier: „Runde Tische“ vor Ort, an denen sich die Vertreter der Gefahrenabwehrbehörden und der Einsatzorganisationen mit den Vertretern der Sozial- und Gesundheitsbehörden sowie den Vertretern der Pflegeeinrichtungen, aber auch den zu pflegenden Menschen (Heimsprecher*Innen) zusammensetzen und eine Bestandsaufnahme sowie eine einfache Risikoabschätzung machen, sind meiner Meinung nach erste, relativ einfache, aber zielführende Schritte, die Problematik, aber auch Lösungsansätze aufzuzeigen und übergreifend bewusst zu machen. Dazu gibt es in Deutschland nicht zuletzt auch durch einschlägige Forschungsprojekte initiiert sehr gute Piloten, die als bundesweite Modelle dienen können. Darüber hinaus sind Übungen der Einsatzorganisationen zusammen mit Pflegeinrichtungen und Bewohnern dieser Einrichtungen wichtig. Auch hier gibt es bereits gute Best Practice für gemeinsame Übungen an einzelnen Standorten, beispielsweise was den Umgang von Einsatzkräften mit dementen Heim-Bewohnern und die Vorbereitung der Einsatzkräfte auf solche besonderen Situationen betrifft.  Aber: es sind immer noch Einzelbeispiele und Ausnahmen und nicht die Regel. Ein weiterer wichtiger Schritt ist es, sowohl das Personal von Pflegeeinrichtungen als auch die Heimbewohner -soweit als irgendwie möglich- mit Selbstschutz- und Selbsthilfemaßnahmen vertraut zu machen. Viel zu oft werden Heimbewohner meiner Meinung nach gerade auch bei solchen Themen in einer passiven Rolle belassen, anstelle sie als -wie gesagt soweit als möglich- aktiv handelnde Individuen zu begreifen und gerade auch mit Blick auf potentiellen Katastrophen- oder Krisenlagen aktiv miteinzubeziehen. Auch hier haben bereits Forschungsprojekte in enger Verbindung mit der Praxis aufgezeigt, was alles möglich ist und welche Aktivitäten, z.B. über Selbstschutz- und Selbsthilfespiele initiiert werden können.

Was erhoffen Sie sich als Resultat von AUPIK?

Dr. Geier: von AUPIK erhoffe ich mir, dass die Forschungsergebnisse weiter dazu beitragen, dieses wichtige Thema in die Gesellschaft zu tragen. Damit meine ich nicht nur die Experten, sondern vor allem auch die Politik und die Entscheider auf allen Ebenen. Wir brauchen mehr Problembewusstsein, aber eben auch gute praktikable Lösungsansätze, wie wir die Probleme erfolgreich anpacken können. Generell müssen wir uns mit Blick auf die weiteren demographischen Entwicklungen und auch die drohenden Risiken und Gefahren stärker mit der Frage auseinandersetzen, ob wir nur ein „Weiter so“ oder aber eine „Neuausrichtung“ im Risiko- und Krisenmanagement, aber auch im Umgang mit unseren pflegebedürftigen Menschen haben wollen. Wir müssen meiner Meinung nach die gesamtgesellschaftliche Resilienz deutlich verbessern. Wenn AUPIK dazu einen substantiellen Beitrag leisten kann, wäre das ein toller Erfolg!


Interview: Tim Walter

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